Herne Miners vs. TecArt Black Dragons Erfurt

Strafen:
Herne 10’
Erfurt 35’
Schüsse:
Herne 25
Erfurt 27
Tore:
Herne: T. Munichiello, N. Ford (2), R. Rennert
Erfurt: L. Postel, C. Seto (2), M. Markkula (2), S. Harala
Zuschauer: 734
Spielbericht
Finale furioso und die Melancholie der Eismaschine
TecArt Black Dragons drehen erst auf und brechen dann ein und gewinnen trotzdem das letzte Saisonspiel 6:4 in Herne
Nichts, aber auch gar nichts, deutete darauf hin, dass es zum Kracher werden könnte. Herne Letzter, Erfurt Vorletzter. Letztes Saisonspiel. Nichts mehr zu erreichen. Die Play Offs sind abgefahren. Also Minimalziel: nicht Letzter werden. Möglichst heftige Körperkontakte vermeiden, um nicht noch auf der Ziellinie humpelnd im Krankenhaus zu landen. Also schön gemächlich. Hat zwei Drittel gepasst. Dann ging die Post ab. Eisiges Finale furioso.
Sechs Drachen-Fans, tatsächlich, sechs, hatten sich zum bedeutungslosen Saisonfinale an einem Dienstagabend ins 350 Kilometer entfernte westfälische Herne geschleppt. Was hatten diese Enthusiasten wohl erwartet? Am Ende konnte sich jeder von ihnen über ein, über sein persönliches Tor freuen. 6:4 haben die TecArt Black Dragons das letzte Saisonspiel in der Oberliga Nord in der Fremde gewonnen. Play offs verpasst, Minimalziel - nicht Letzter werden - erreicht. Wenigstens. Die meisten Eishockeyfans in Erfurt dürfte das nicht zufriedenstellen. Hatte doch ihr Herzensteam nach einer starken Phase durch viele Grottenspiele auf der Zielgeraden eine Saisonverlängerung vergeigt. So ist jetzt Schluss und die grausige Erkenntnis bleibt: sechs Monate kein Eishockey. Furchtbar.
Im Spiel um die Goldene Ananas in der Hannibal-Arena zu Herne war daher nichts Nervenaufreibendes zu erwarten. Kringeldrehen, nur nicht fighten. Hat geklappt. Dann hatte Louis Postel genug. Keiner nahm den Youngster für voll. Na gut, dann eben rein in die Kiste. 0:1 in der 11. Minute. Drei Minuten später: 0:2. Miro Markkula rechts durch, Pass zur Mitte auf Chris Seto. Der kann Maß nehmen und ohne Körperkontakt abziehen. Wenn die Gastgeber in der Phase trotzdem mal anziehen, folgt Erfurts Torwart Patrick Glatzel der Vorgabe aus seiner Stellenbeschreibung: Tore verhindern. Besonders schwer fällt ihm das bei der Einfallslosigkeit der Herne Miners nicht. Am Ende des ersten Drittels hat die Erfurter Effizienz gesiegt.
Zweites Drittel. 24. Minute: Glatzel hält. 26. Minute: Glatzel fängt. 27. Minute: Glatzel blockt. Kein Durchkommen für die Miners. Vielmehr schlagen die Drachen zu. 30. Minute: Santeri Haarala geht auf Rechts durch und serviert seinem mitgelaufenen Landsmann Markkula das Scheibchen passgenau auf den Schläger - 0:3.
Patrick Glatzel schob sich jetzt ins Rampenlicht. Erst legte er einen gefährlichen Angriffszug der Herner lahm (36.), drei Minuten später knallt es. Hugo Enock rauscht mit Vollgas in den Erfurter Torwart. Der knallt mit dem Hinterkopf aufs Eis und beginnt heftig zu bluten. Das Eis im Tor voll Blut. Dann gabs auf die Zwölf. Jeder gegen jeden. Am Ende Entsetzen. Glatzel, tatsächlich der blutende Glatzel, fliegt mit fünf Minuten plus Spieldauer vom Eis. Enock bekommt gerade mal zwei Minuten. Was ist denn hier los? Dennis Bondarenko bekommt ebenfalls zwei Minuten wegen Beinstellen aufgebrummt. Enzo Herrschaft nochmal zwei wegen Rauferei. Heißt: es ging mit einer 5-Minuten-Strafe plus zwei Minuten weiter. Fünf gegen Drei. Verkehrte Welt? Erfurt Täter statt Opfer? Fakt ist, die Schiedsrichter haben in der Situation - wenn man den am Hinterkopf heftig blutenden Torwart der Erfurter sah - trotz Videoansicht, ganz wenig Fingerspitzengefühl gezeigt. Man könnte sich Folgendes zusammenreimen: Dennis Bondarenko stellt Enock ein Bein, der kann sich nicht mehr halten, knallt auf Erfurts Torwart. Dem gehen die Nerven durch, er haut genauso zu, wie Enzo Herrschaft. Kann sein, aber man weiß es nicht. Vielmehr ist in der abschließenden Pressekonferenz sogar noch von rassistischer Beleidigung des dunkelhäutigen Enock die Rede. Da wird wohl noch einiges aufzuarbeiten sein.
Justin Spiewok musste nun Glatzels Platz einnehmen. Aus der Kalten, ungedehnt, ohne Vorbereitung. Der 22-Jährige hat dann seinen Job gut gemacht, solange ihn seine Vorderleute nicht im Stich gelassen haben. Einige hatten aber wohl angesichts der klaren 4:0-Führung - zwischenzeitlich hatte Miro Markkula in schöner Kooperation mit Landsmann Haarala erhöht (46.) - angefangen „rumzuzipfeln“, wie es Drachen-Coach Sebastian Wolsch nach Spielschluss sarkastisch bezeichnete. Louis Postels Solo übers ganze Spielfeld blieb unbelohnt (54.), aber dann brach es über die Erfurter herein. 55. Minute: Thomas Munichiello verkürzt nach schöner Vorarbeit von Nicolas Ford auf 1:4. Da leckten die Gastgeber wohl Blut. Auszeit und zeitig den Torwart raus, sechster Feldspieler rein (55.). Riskant. 27 Sekunden später wurde der Mut zu diesem zeitigen Schachzug belohnt. Raik-Cornell Rennert trifft. 58. Minute: 3:4. Vier Erfurter stehen rum und staunen, dass dieser Nicolas Ford tatsächlich trifft.
Hektik. Auszeit Drachen. Herne: Torwart wieder raus. 30 Sekunden hielt das Harakiri-Spielchen, dann hatte Chris Seto genug. Zwei Gegner ausgetanzt, überlegt eingeschoben. 3:5 in der 58. Minute. Das war’s. Nee, war’s nicht. Herne nun mit dem Mute der Verzweiflung. Torwart wieder raus. Acht Sekunden, ganze acht Sekunden, hat es dann gedauert, ehe wieder dieser Nicholas Ford zulangte - 4:5. Er spielte die schläfrige Erfurter Abwehr einfach aus. Was wird das denn? Hernes Torhüter wieder raus, zum vierten Mal. Aber diesmal gehts gut. 34 Sekunden Gewürge, dann die Erlösung. Markkula macht den Deckel drauf.
Glückliches Krimifinale aus Erfurter Sicht. Ein Sieg, ein Sinnbild der Drachen-Saison. Auf und Ab. Konstanz adé. Während die Herner Eismaschine einsam ihre letzte Runde dreht, gehen einem diese Gedanken durch den Kopf. Da ist eine Menge aufzuarbeiten. Nicht Letzter zu werden kann unmöglich der Anspruch der TecArt Black Dragons sein. Schon der tollen Fans wegen.
Michael Keller
letzte Änderung: 14.03.2026