Immer was zu sagen
Andreas Scheffel ist seit 14 Jahren Hallensprecher bei den Black Dragons
Als 2012 Hansi Hübner, die langjährige Stimme am Mikrofon in der Erfurter Kartoffelhalle, leider aus gesundheitlichen Gründen passen musste, wurde der damals 41-jährige Andreas Scheffel quasi ins kalte Wasser geworfen. Ersatz war nicht da. Los dann. Von jetzt auf gleich. Man hatte sich daran erinnert, dass er sich schonmal bei den Damen der Wild Hornets als Hallensprecher versucht hatte. Also mach mal. Improvisation ist schließlich eine in diesen Breiten weitverbreitete Tugend. Einen Tag vor Heiligabend die Premiere im Spiel gegen Schönheide. Erstmal als Intermezzo. "Richtig los ging es dann am 8. November 2013. Rostock war zu Gast“, erinnert er sich.
Zack. Der Puck knallt mit Schmackes an die Scheibe. Drei Spieler krachen hinterher. Die neue Saison hat begonnen und Scheffel sitzt hinter den ausgetauschten, flexiblen Plexiglasscheiben, durch die man nach einer Saison mit fehlender Durchsicht nun endlich in jede Richtung erkennen kann, was sich auf dem Eis abspielt. Und die nachgeben, wenn sich, wie in dem Falle, drei Aktive mit Anlauf dagegen werfen. Andreas Scheffel freut es, dass nun nach Jahrzehntelangen Versprechungen wenigstens etwas tut. Wird auch Zeit. Der Hallensprecher hat seit Anfang der 90er Jahre, damals noch als Gast, miterlebt, was nicht alles versprochen wurde. Nun endlich kommt wohl doch Bewegung in die Sache.
40 Minuten vor Anbully stellte er die Gastmannschaft vor, dann wird’s gefährlich. Rauf aufs Eis mit Straßenschuhen und Mikrofon. Die Drachen vorstellen. Im Mittelkreis. Bloß nicht ausrutschen. Das wäre eine Gaudi für die Zuschauer. „Einmal bin ich hingeknallt, als ich mit der Bohrmaschine die Löcher für die Zapfen nacharbeiten musste, damit das Torgestänge Halt findet. Nur nicht dran denken“, sagt er. Ansonsten hat der Ur-Erfurter in den 14 Jahren eine, seine, Routine, entwickelt. Auch beim Ansagen der ungezählten Geburtstage der Gäste im Publikum.
Am freitäglichen Spieltag hat Andreas Scheffel 17 Uhr in seinem Job als Filialleiter eines Autoteilehändlers Feierabend. Kurz duschen. Ab in die Kartoffelhalle. Sonntags geht es dann etwas gemächlicher zu. Zeitnehmeruhren aufbauen, Strafbank zum Abkühlen für die Hitzköpfe auf dem Eis vorbereiten, Aufstellungen studieren. Wenn es notwendig wird, programmiert er auch mal die Anzeigetafel.
Für diese Saison ist seine Prognose nach der Achterbahnfahrt des Vorjahres von Vorsicht geprägt. „Auf keinen Fall Letzter, vielleicht die Pre Play Offs“, sagt er mit Zögern. Vieles ist im Eishockey möglich. Auch wildes Zeug. Scheffel hat auf seiner Festplatte mit der Aufschrift Black Dragons einiges abgelegt, das er zuweilen hervorkramt, wenn von besseren Zeiten die Rede ist. „Einmal hat Olli Otte in der letzten Sekunde einen Siegtreffer gesetzt“, sagt der Hallernsprecher. Auch ein technisches Tor, ein Tor, das den Schiedsrichtern zufolge automatisch gewertet wird, obwohl der Puck gar nicht regulär die Torlinie überquert hat, hat er schon gesehen. Die Black Dragon sind halt immer für das Besondere gut.
Bei den TecArt Black Dragons ist auch der Name Scheffel etwas Besonderes. Andreas sitzt am Mikrofon, sein Frau Sandra ist Teil des Kampfgerichtes, Sohn Nils (25) ist Schiedsrichter. Eine kleine Eishockey-Dynastie in der Kartoffelhalle. Hat man nicht so oft. Der Hallensprecher denkt etwas wehmütig an erfolgreichere Zeiten der Black Dragons zurück. Und an große Namen. „Der Beste, der in den letzten 35 Jahren jemals das Erfurter Trikot übergestreift hat, war der 2008 leider viel zu früh verstorbene Guy Roleau“, ist Scheffel überzeugt. Dann geht es mit ihm durch. Ihm fallen Namen wie Jan Vavrecka, Kari Heikkinen, Tony Fonso - legendär dessen Duelle mit dem eineinhalb Köpfe größeren Rob Bush aus Ratingen - ein. „Die Finnen, die Kanadier, die Tschechen, das waren Spieler aus den 2000er Jahren, an die ich mich ewig erinnern werde“, sagt der 55-Jährige. Greift zum Mikro. Und muss aufpassen, dass er nicht zu emotional wird, wenn es auf dem Eis hoch hergeht und seine Black Dragons in den Mittelpunkt - egal wie - rücken.
P.S. Andreas Scheffel hat es auch mal selber probiert. Das mit dem Eishockey. Als 30-Jähriger. Bei den „Bandenhanglern“. Als Verteidiger. Nun ja. Ein Intermezzo mit überschaubarem Erfolg. Damals. Als Erfurts Eishockey noch irgendwie in den Kinderschuhen steckte. Eine gewisse Sachkenntnis hinter der Plexiglasscheibe kann man ihm daher heute aber nicht absprechen. Auch wenn er die Tore nicht mehr selber schießt, sondern sie „nur“ noch ansagt.
Text und Foto: Michael Keller
letzte Änderung: 26.10.2026